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Und sie können es doch!
Published on 29/05/08
by Kolja
Bürgerjournalisten wird gerne abgesprochen, eigenständig Nachrichten recherchieren und verarbeiten zu können. Deswegen ist eine der spannendsten Fragestellungen, wie Bürgerjournalisten Nachrichten produzieren. Zvi Reich erforscht an der israelischen Ben-Gurion-Universität genau das. Sein Befund: Ja, sie können.
Auf der jährlichen ICA-Konferenz hat er kürzlich seine Ergebnisse vorgestellt, die aus einem Vergleich dreier israelischer Mainstream-Nachrichtenmedien mit einem Portal für Bürgerjournalisten mit dem schönen Namen Scoop! hervorgehen. Dort waren 52% der Meldungen originäre Nachrichten, die nicht aus anderen Medienberichten hervorgingen. Keine schlechte Quote.
Wie hat er das herausgefunden? Klar ist: Max Mustermann von nebenan braucht schon eine verdammt gute Geschichte, um damit in der Zeitung zu landen. Paris Hilton oder die Bundeskanzlerin stehen fast jeden Tag drin. Je höher die Position der Quellen oder die Macht ihrer Institution, umso einfacher fällt es diesen Quellen, Berichterstattung in der Zusammenarbeit mit Medienvertretern zu erwirken. Zvi Reich kehrt dieses Modell um. Statt bei den Quellen anzusetzen, fragt er, wie die Einbindung von Reportern in Institutionen wie einer Redaktion den Zugang zu den Quellen beeinflusst.
Die ersten Ergebnisse weisen auf eine asymmetrische Beziehung der Bürgerreporter zu ihren Quellen hin. Während redaktionell eingebundene Journalisten ihren Informanten durch die Macht ihrer Organisation gestärkt gegenübertreten können, fehlt den Bürgerreportern diese Einbindung. Sie bekommen nur Zugang zu schwachen Quellen mit wenig Einfluss aus ihren Positionen heraus. Die Gründe liegen laut Reich in der fehlenden organisatorischen Vernetzung, der ineffizienten Arbeitsteilung, dem begrenzten journalistischen Fachwissen und der geringen organisatorischen Kontrolle von Bürgerreportern.
Aber: Sie können es. Grundsätzlich rüttelt dieser Befund ein weiteres Mal an der klassischen Definition von Journalismus. Wo zieht man die Grenzen? Ist ein Journalist jemand, der der Öffentlichkeit Informationen bereitstellt? Oder jemand, der aufgrund seiner Ausbildung und seiner Kenntnisse Information auswählen und verarbeiten kann, um sie dann publikumsgerecht zu verpacken? Und kann man Bürgerjournalisten mit einer vom klassischen Journalismus abgeleiteten Definition überhaupt gerecht werden?
Ich glaube nein, und das ist auch das Problem vieler Ansätze in diesem Bereich. Mit den herkömmlichen Kategorien sind diese freien Formen des Publizierens nicht zu fassen. Die Autoren haben ganz neue Motivationen, die Plattformen unterscheiden sich grundsätzlich und das Publikum will häufig auch etwas anderes, als es ein Leser von der gedruckten Tageszeitung verlangt. Das ist mit den Charakteristika einer redaktionellen, kommerzialisierten Journalismus kaum zu beschreiben.
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