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Zensur und Freiheit

Saturday, March 15th, 2008

Von beidem kann man zuviel haben, habe ich Donnerstag im berliner Büro der FAZ gelernt. Dort sprachen FAZ-Herausgeber Werner D’Inka und weitere Gäste über die Chancen und Risiken, die sich für Journalismus im Internet auftun. Eingeladen hatte das Institute for International Journalism.

Reporters Without Borders - Press Freedom Map

Zu Anfang gab’s erstmal auf den Deckel für Reporter ohne Grenzen. Die hatten Indien auf den 120. Platz in der Rangliste der Pressefreiheit verbannt, hinter solche Freiheitsgaranten wie Kenia, Bhutan und den Tschad. Darüber beschwerte sich lautstark Vidya Subrahmaniam von der indischen Tageszeitung “The Hindu”. Michael Redisk, Vorstandssprecher von Reporter ohne Grenzen, musste bei diesem Angriff passen. Mit Indien beschäftige man sich nicht sehr eingehend, gab er zu.

Dabei, so erklärten Subrahmaniam wie auch Sankarshan Thakur vom „Telegraph“, geniesse Indiens Presse in vielerlei Hinsicht doch gerade zuviel Freiheiten. Auf einem Markt, in dem über 60.000 Zeitungen gegeneinander antreten, können sich die Konsumenten über mangelnde Vielfalt nicht gerade beklagen. Die vielen neuen Leser, die dank sinkenden Analphabetismusraten an die Kioske strömen, werden mit harten Bandagen umkämpft. Leider schlage sich dieses rasante Wachstum aber nur in Quantität – jedes Jahr werden mehr als 2000 neue Zeitungen auf den Markt gebracht – aber nicht in Qualität wieder.

Das hat zwei Gründe. Die vielen neuen Leser werden vor allem mit viel Schnulz, Sport und Sex gelockt, nur selten schaffen es relevante politische Meldungen auf die Titelseite. Dazu liefern sich konkurrierende Zeitungen häufig ruinöse Preisschlachten, so dass manches Blatt für weniger als umgerechnet einen Euro-Cent zu haben ist. Das alles stärkt nicht gerade die Position der Journalisten in ihren Zeitungen. Und so fällt oft der Betriebswirt die Entscheidung über das Titelfoto. Schließlich müsse das doch ein angenehmes werbliches Umfeld für den Anzeigenkunden herstellen, erzählte Thakur. Journalistisches Argumentieren mit Nachrichtenwerten hilft da nicht viel. Zu viel Freiheiten auf dem Markt erweisen sich in diesem Fall als kontraproduktiv für die Sache der Pressefreiheit, resümierten beide indische Journalisten.

Für diese Probleme hatten die vielen Anwesenden Journalisten aus verschiedenen Entwicklungsländern nur ein mildes Lächeln über. Für sie ging es um grundsätzliches: Wie kann ich Radio senden, wenn der Staat Störsender einsetzt? Was bringen Blogs, wenn ein Großteil der Bevölkerung nicht lesen kann und auch keinen Zugang zum Internet besitzt? Und wenn Blogs, wie kann man verhindern, dass sie als agitatorisches Werkzeug mißbraucht werden, wie es in Kenia geschehen ist. Dort hatten Hetzer in ihren Blogs zum Mord an Oppositionspolitikern aufgerufen.

Die Möglichkeiten, die das Web bietet um Zensur zu umgehen, können in den kritischen Gebieten der Erde noch gar nicht wahrgenommen werden, ist das ernüchternde Ergebnis. In Afrika könnten Informationen mittels Handys sehr viel mehr Menschen erreichen, als das über das Kabeltelefonnetz jetzt noch möglich ist. Allein, die Technik ist nicht soweit. „Wir leben in prähistorischen Zeiten, was Online-Journalismus angeht“, fasste es der Direktor des World Editor Forums, Bertrand Pecquerie, zusammen.

Ansonsten ging es wieder einmal viel um den gefühlten Gegensatz von Print- und Online-Journalismus und der Rolle, die Bürgerjournalisten und User-Generated-Content bei der Ablösung klassischer Medien als gesellschaftliche Instanzen der Informationsvermittlung spielen. Diese Diskussion, so sehr sie betroffene Journalisten interessieren mag, geht aber an der Frage nach der Demokratiefunktion von elektronischen Medien vorbei.

In undemokratischen Gesellschaften gibt es kein etabliertes Mediensystem, keine erfahrenen Journalisten, die sich im angeblichen Wettstreit mit Bloggern befinden. Alle kritischen Journalisten sind zugleich Bürgerjournalisten, weil sie sich ausserhalb von etablierten Medienorganisationen bewegen müssen. Um Publizieren zu können, können sie nur auf Plattformen und Alternativmedien wie Blogs, Social Networks und Piratenradio ausweichen. Es ist zwar nicht egal, ob man schon zwanzig Jahre Erfahrung im Journalismus hat, oder zum erstenmal ein Mikrofon in der Hand hält - aber unter demokratiefeindlichen Regimen  spielt das keine Rolle um Zugang zu relevanten Veröffentlichungskanälen zu bekommen. Kritische Berichsterstatter sind auf die Werkzeuge der Bürgerjournalisten angewiesen, weil sie sonst nichts veröffentlichen können.