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Schwarz-Rot-Weiß-Goldene Einigkeit mit Halbmond

Wednesday, June 25th, 2008

Heute auf den Titelseiten der Tageszeitungen: Wer illustriert das EM-Halbfinale Deutschland-Türkei am besten? Ich hab eine kleine Auswahl von Titelseiten zusammengestellt und bewertet.

Variante eins - Fotos von beteiligten Sportlern abdrucken.

0 Punkte - Ist doch langweilig, seit der WM 2006 ist das Publikum der Star.

Dann lieber: Freundlich lächelnde Fans mit Landesfarben im Gesicht.

1 Punkt - Von netten Gesichtern gut aussehender Menschen fühlt sich der Zeitungskäufer emotional angezogen, das steigert den Absatz am Kiosk. Leider erzählen die durch die Bank gutaussehenden Fans nicht viel über die Identitätskrise, die das Spiel in der deutschtürkischen Gemeinde auslöst. Für wen soll gejubelt werden?

Um das auszudrücken, braucht man viele viele deutsche und türkische Flaggen, schön durcheinander oder auch ordentlich aufgereiht.

2 Punkte - Das vereint patriotische Gefühle mit der doppelten Brisanz, die das Spiel in sich trägt, da wir ja quasi gegen uns selbst spielen. Das kann man aber noch besser ausdrücken, bloß wie?

Genau! Mit der zwei-in-eins-Fahne! Danke, liebe taz.

3 Punkte - Diese Illustration verdeutlicht sehr anschaulich das Dilemma, indem sich taz-Leser gefangen sehen. Deutschland gegen die Türkei, das bedeutet eine doppelte Identitätskrise, denn für Deutschland ist man ja per se nicht, weil Nationalismusbestrebungen muss im Keim entgegen gewirkt werden. Aber für die Türkei sein ist auch keine echte Alternative, denn die sind a) noch nationalistischer und b) irgendwie ist jetzt das türkische Team auch Deutschland. das macht die Situation nicht gerade einfacher. Egal, das Bild ist ja nicht echt, wer würde schon eine türkische Fahne auf eine deutsche nähen?

Wenn man es wirklich will, dann findet man auch den einen Imbißbudenbesitzer, der genau das macht. So ein Scoop gelingt natürlich nur dem Zentralorgan deutscher Integrationspolitik, der FAZ.

4 Punkte für dieses überhaupt nicht gewollte, wie aus dem prallen Leben gegriffene Bild gelebter Integration. Mehr geht fast nicht. Höchstens der doppelbeflaggte Mercedes eines deutsch-türkischen Ehepaares wäre da noch rangekommen.

Den anderen bleibt da nur, gegen den Mainstream zu schwimmen.

5 Punkte für den Weser Kurier und das wunderschöne Holzmodell eines Segelschiffs.

DIe Titelseiten stammen vom Newseum, das dankenswerterweise die ersten Seiten von Zeitungen aus der ganzen Welt sammelt und zur Verfügung stellt.

Und sie können es doch!

Thursday, May 29th, 2008

Bürgerjournalisten wird gerne abgesprochen, eigenständig Nachrichten recherchieren und verarbeiten zu können. Deswegen ist eine der spannendsten Fragestellungen, wie Bürgerjournalisten Nachrichten produzieren. Zvi Reich erforscht an der israelischen Ben-Gurion-Universität genau das. Sein Befund: Ja, sie können.

Auf der jährlichen ICA-Konferenz hat er kürzlich seine Ergebnisse vorgestellt, die aus einem Vergleich dreier israelischer Mainstream-Nachrichtenmedien mit einem Portal für Bürgerjournalisten mit dem schönen Namen Scoop! hervorgehen. Dort waren 52% der Meldungen originäre Nachrichten, die nicht aus anderen Medienberichten hervorgingen. Keine schlechte Quote.

Wie hat er das herausgefunden? Klar ist: Max Mustermann von nebenan braucht schon eine verdammt gute Geschichte, um damit in der Zeitung zu landen. Paris Hilton oder die Bundeskanzlerin stehen fast jeden Tag drin.  Je höher die Position der Quellen oder die Macht ihrer Institution, umso einfacher fällt es diesen Quellen, Berichterstattung in der Zusammenarbeit mit Medienvertretern zu erwirken. Zvi Reich kehrt dieses Modell um. Statt bei den Quellen anzusetzen, fragt er, wie die Einbindung von Reportern in Institutionen wie einer Redaktion den Zugang zu den Quellen beeinflusst.

Die ersten Ergebnisse weisen auf eine asymmetrische Beziehung der Bürgerreporter zu ihren Quellen hin. Während redaktionell eingebundene Journalisten ihren Informanten durch die Macht ihrer Organisation gestärkt gegenübertreten können, fehlt den Bürgerreportern diese Einbindung. Sie bekommen nur Zugang zu schwachen Quellen mit wenig Einfluss aus ihren Positionen heraus. Die Gründe liegen laut Reich in der fehlenden organisatorischen Vernetzung, der ineffizienten Arbeitsteilung, dem begrenzten journalistischen Fachwissen und der geringen organisatorischen Kontrolle von Bürgerreportern.

Aber: Sie können es. Grundsätzlich rüttelt dieser Befund ein weiteres Mal an der klassischen Definition von Journalismus. Wo zieht man die Grenzen? Ist ein Journalist jemand, der der Öffentlichkeit Informationen bereitstellt? Oder jemand, der aufgrund seiner Ausbildung und seiner Kenntnisse Information auswählen und verarbeiten kann, um sie dann publikumsgerecht zu verpacken? Und kann man Bürgerjournalisten mit einer vom klassischen Journalismus abgeleiteten Definition überhaupt gerecht werden?

Ich glaube nein, und das ist auch das Problem vieler Ansätze in diesem Bereich. Mit den herkömmlichen Kategorien sind diese freien Formen des Publizierens nicht zu fassen. Die Autoren haben ganz neue Motivationen, die Plattformen unterscheiden sich grundsätzlich und das Publikum will häufig auch etwas anderes, als es ein Leser von der gedruckten Tageszeitung verlangt. Das ist mit den Charakteristika einer redaktionellen, kommerzialisierten Journalismus kaum zu beschreiben.

Medien im Umbruch

Saturday, May 3rd, 2008

Für den SWR hat Thomas Leif den derzeitigen Wandel in den deutschen Zeitungen und Fernsehstationen hin zu Global Internet Playern (oder sowas) dokumentiert. Sein Film “Quoten, Klicks & Kohle” ist sehr zeitgeistig, längerfristige Weisheiten sollte man nicht erwarten, dafür darf man aber auch mal hinter die Kulissen von Spiegel Online, Kölner Stadtanzeiger, Tagesschau.de und Zoomer blicken.

Beobachtung eins: So richtig Beschied wissen die auch alle nicht, aber es gilt trotzdem online dabei zu sein, um sich den Markteintritt bewahren zu können. Beobachtung zwei: Auch wenn Leif es nicht sagt, die Öffentlich-Rechtlichen sind die Hauptbewahrer des Piffigen. Und schließlich: Beim großen Online-Streit um ARD und ZDF und ihre Internet-Aktivitäten braucht man vor allem Geduld, weil bis jetzt niemand etwas über die eigene Position hinaus preisgeben will, geschweige denn an eine Lösung denkt.

Kleine Stichelei am Rande: Bei Zoomer.de legt sich Leif mit Tagesspiegel Online-Chefin Mercedes Bunz an, nachdem ein Mitarbeiter ein eher verunglücktes Interview abliefert. Das wichtigtuerische selbst-auf-die-Schulter-klopfen läßt Leif aber auch nicht entspannter als die Tagesspiegel-Frau aussehen.

Zusatzinfos zum Film gibt es hier. Den gesamten Film downloaden kann man hier.

(via)

Was nichts kostet ist nichts wert?

Monday, March 3rd, 2008

Chris Anderson -

Der Entdecker des Long Tail, Chris Anderson, hat ein neues Projekt. In seinem kommenden Buch beschäftigt er sich mit der “Freeconomy”, in der alles für umsonst zu haben ist. Na ja, beinahe. Einen ausführlichen Ausblick in die Welt der unendlich kleinen Grenzkosten erlaubt er im Wired Magazine.Vielleicht beantwortet er ja mit diesem Buch, das 2009 erscheinen soll und tatsächlich Geld kosten wird, die ewige Frage: Sollten Nachrichten im Internet umsonst sein? Mit umsonst ist gemeint: kein exklusiver Zugang für Abonnenten der Print-Ausgabe, keine Archiv-Artikel für fünfzig Cent, alle Artikel online frei zugänglich.

Denn damit quält sich die Medien-Branche wie die -Wissenschaft seit längerem herum. Im Moment schlägt das Pendel in die Richtung freier Zugang zu allen Inhalten. Was sich aber auch wieder ändern kann. In der Praxis geben die seit Jahren steigenden Budgets für Online-Werbung der Hoffnung auftrieb, mehr und mehr Nachrichtenseiten könnten sich durch Anzeigen finanzieren.

Das Problem ist nur: Der Markt für Online-Werbung wächst nicht annähernd so schnell, wie das die Budgets für Anzeigen in Print-Produkten zurück gehen. Wenn Zeitungen jetzt ihre Artikel aus den Printausgaben online kostenlos anbieten, schneiden sie sich damit nicht ins eigene Fleisch? Die These der radikalen umsonst Advokaten ist, dass wer jetzt seine Archive nicht öffnet, in zehn Jahren ohnehin irrelevant geworden ist. Da ist es dann egal, ob man schon jetzt pleite geht, weil niemand mehr die eigene Zeitung kauft, oder ob man in zehn Jahren pleite geht, weil man es nicht geschafft hat, eine Nachrichtenseite mit genügend großer Leserschaft aufzubauen. Dann lieber gleich ins offene Messer springen und hoffen, dass man doch noch irgendwie die magische Formel entdeckt.

Auch die Wissenschaft zieht derzeit einen ähnlichen Schluss. Die “Willingness-To-Pay” ist einfach nicht hoch genug ist das Fazit einer der wenigen Studien zum Thema.

“A random-sample telephone survey of 853 Hong Kong residents found very few users actually responded to paid content and most had no intent to pay in the future.”

Auch das sah schon einmal anders aus.

Nachrichten sind halt eine ganz spezielle Ware, mit schnellem Verfallsdatum aber auch der Möglichkeit, ein und dieselbe Nachricht hundertausendmal zu verkaufen. Dazu kommt: Rein in monetären Größen ist der gesellschaftliche Wert eines freien und funktionierenden Medien-Systems nicht zu beziffern. Darum ist das Fazit der Wissenschaftler vorläufig auch:

“However, as the Internet has become an important news medium serving millions of news users worldwide, the answer to Kawamoto’s (2003) question “Is there value to maintaining digital media when profitability is not achievable?” (p. 27) should be a yes.”

Was aber erst einmal beweist: Nachrichten die nichts kosten sind trotzdem etwas wert. Demnächst gibt’s mehr dazu, weil ich über dieses wunderbare Thema nämlich eine Hausarbeit schreibe.

Warum man nicht nur Inhalte können muss

Saturday, February 23rd, 2008

The World Is FlatSeit einiger Zeit wartet Thomas L. Friedmans “The World Is Flat” darauf, von mir endlich zu Ende gelesen zu werden. Das Buch folgt den vielen Wegen der Globalisierung und versucht zu beschreiben, welche Konsequenzen die zunehmende Verschränkung der nationalen Märkte für die Marktteilnehmer hat. In einem Wort: viele. Darum kann ich das Buch auch nicht von vorne nach hinten lesen, sondern stöbere immer wieder nach interessanten Anekdoten durch ungezieltes Querlesen.

Heute habe ich die Geschichte einer Agentur gefunden, die 25 Jahre lang mit bis zu 40 Angestellten Produktfotos für ihre Kunden produziert hat. Ihr Service hat in dieser Zeit die kreative Umsetzung der Kundenwünsche bedeutet - die Entwicklung und Nachbearbeitung der Fotos haben stets externe Dienstleister übernommen.

Dann kam die erste digitale Spiegelreflexkamera. Ungefähr ein Jahr lang war die Begeisterung über die neue Technik groß; die Agenturchefs tauften sie “electronic polaroid”, wegen der Möglichkeit, das aufgenommene Bild sofort vor Augen zu haben. Die Umstellung auf das digitale Format begeisterte aber auch die Kunden. Die waren plötzlich nicht mehr bereit, den Rattenschwanz an digitaler Nachbearbeitung zu finanzieren. Das Geschäft verändert sich. Rote Augen retuschieren, Farbkorrektur, “digital highlighting” - all das musste ab sofort im Paket enthalten sein.

Die Agentur stand gar nicht vor der Wahl, die Nachbearbeitung ins eigene Angebot zu integrieren - die Möglichkeiten der Technik zwangen sie dazu. Die Kunden hatten kein Verständnis dafür, weiterhin für jede Leistung - Idee, Produktion, Post-Produktion, Finishing - einzeln zu bezahlen. Wenn man den gesamten Prozess kontrollieren kann, dann muss man den gesamten Prozess kontrollieren. Von der Idee bis zum Endprodukt. Ob man will oder nicht.

Für Journalisten heißt das: Es bringt nichts, sich auf den Posten des Inhalteproduzenten zurückzuziehen. Man muss auch die technische Umsetzung können. Nur einen Text schreiben ist nicht genug. Jetzt, wo es so einfach ist, diesen Text auch zu veröffentlichen, muss man gerade deswegen wissen wie das funktioniert. Für Multimedia-Journalisten ist dieser Gedanke kaum etwas neues, da die Technik schon immer die Hälfte des Jobs ausgemacht hat. Für die klassischen, von der Schreibmaschine abstammeden Journalisten schon.

Die Feinheiten von HTML, CMS, Podcasting und Bloggen sind jetzt genauso wichtig wie die stilistischen Elemente von Reportage, Portrait und Meldung. Journalisten müssen mehr als nur schreiben können.

(Ein gute Zusammenfassung des Buches gibt Thomas L. Friedman in dieser MIT lecture selbst.)