Donnerstag war ich im berliner Café Einstein um Stefan Niggemeier (BildBlog) und Roger Boyes (The Times) bei einem Gespräch über die Bild-Zeitung zuzuhören.
Anlass war der Umzug der Bild nach Berlin, inhaltlich ging es um eine Art Bestandsaufnahme. Was ist das System Bild-Zeitung, wo kann man sie verorten, macht Bild Boulevard und wie positioniert sich die Bild selbst in der politischen Landschaft?
Abgehandelt wurde das alles anhand der bestimmenden Themen der letzten Zeit. Roland Kochs irre geleitete Strategie in Hessen, massivst unterstützt von der Bild, galt als Gegenbeweis der These, dass die Bild den Puls der Nation besser als alle anderen kennt. Die Unterstützung für den Erhalt des Flughafen Tempelhofs in Berlin illustrierte die Furcht und Herablässigkeit, mit der in der Zeitung die Argumente der Gegenseite aufgeführt werden – nämlich gar nicht.
Ganz aktuell war die Ente über die Abschaffung der Synchronisation von ausländischen Filmen im Fernsehen durch die EU. Die bewies gleich zweierlei: Fehler werden nicht eingestanden und eine Hand weiß nicht was die andere tut. Dann noch der Lidl-Skandal, Bild berichtete über die Fehltritte des guten Geschäftspartners nur in Kurzform, größer war die Meldung, das Bespitzelungen auch bei Edeka, Plus und anderen vorkommen.
Das System dahinter basiert laut Niggemeier auf folgenden Eckpunkten:
- Stufenweise Desinformation - Artikel werden bis zu fünf mal durchredigiert, wobei jeder Redakteur immer nur die Version vom Vorgänger kennt. Ob das Ergebnis mit der Originalversion noch in Einklang zu bringen ist, erfährt der Reporter am nächsten Morgen aus der Bild. Solch eine Arbeitsweise hilft beim Zuspitzen, aber nicht beim Feinschliff. Überschriften werden auch nicht von denen gemacht, die die Artikel bearbeiten. Da steht dann gerne mal “Schlimmer Schock: xxx hat Krebs” drüber, wenn sich das im Artikel eigentlich so liest: “xxx - doch kein Krebs!”
- Persönlichkeit Kai Diekmann – Um den Bild-Chefredakteur existiert ein dichtes Netzwerk, gewoben aus politischer Agenda und persönlichen Animositäten. Die eigene Weltsicht wird uneinsichtig verfolgt, Freundschaften konsequent ausgenutzt, Feindschaften mit Hingabe gepflegt. Dabei hilft sicherlich, dass Diekmann jedwede Ironie über seine Sicht der Dinge abgeht, so Niggemeier.
- Neoliberal-konservativer Politikteil trifft auf Leser aus dem Arbeitermilieu – Die eigentliche Schizophrenie der Beziehung zwischen der Bild und ihren Lesern ist, dass konsequent die Position der Bosse vertreten wird. Steik als demokratisches Mittel im Arbeitskampf? Ja, bloß nicht jetzt, wo es doch die wirtschaftliche Gesamtlage gefährden könnte…
- Beharren auf Meinungsführerschaft – Wer nimmt die B.Z. ernst? Niemand. Gegen die Bild dagegen will sich niemand stellen. Trotz konstant sinkender Leserschaft ist der gefühlte Einfluss weiterhin hoch. Gegen die Bild kann man nicht regieren, glauben die Einflussreichen. Ob die Leser die Meinung der Bild dagegen für so wichtig erachten, steht auf einem anderen Blatt. Aber die antizipierte Meinungsführerschaft reicht aus um das System am Leben zu erhalten - die Bild muss gar nicht mehr drohen, die Angst vor ihrer Kampagnenmacht reicht, um alle nach Diekmannns Pfeife tanzenzu lassen. Das gilt für Politiker wie für Promis. Entweder man macht mit oder man wird totgeschrieben, also macht man gleich mit.
Und warum die ganze Aufregung? Weil was heute in Bild steht, morgen überall zu lesen ist. Und darum ist Bild kein reines Boulevard-Blatt. Dafür spielt zuviel wirtschaftliche und politische Einflussnahme in die Berichterstattung, ist die eigene Wertschätzung viel zu hoch, ist die Wahrnehmung der Zeitung durch andere Medien und Politik viel zu verzerrt. Denn letzendlich kommentiert der Boulevard das Establishment aus dem Off - er verkörpert nicht das Establishment.
Offen blieb leider nur, womit die Bild jetzt konkurriert: Dem Internet, dem Fernsehen oder anderen Zeitungen.
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