All Things Considered

Politics 2.0 – Wie das Web den Einzug ins Weiße Haus mitbestimmt

Published on 08/10/08
by Kolja

Mit neuen Medien entstehen neue Öffentlichkeiten. Ein besonders umfassendes Beispiel für die Verlagerung von öffentlicher Debatte in den virtuellen Raum kann man derzeit in den USA beobachten. Im Rennen um das Weiße Haus ist die Internet-Strategie von Barack Obama und John McCain ein zentraler Knackpunkt, der über Sieg oder Niederlage entscheidet.

Wer auf Facebook und Myspace die Nase vorn hat, und die Blogs hinter sich weiß, kann entscheidende Vorteile in der Motivierung der eigenen Anhängerschaft nutzen. Journalist und Autor Tobias Moorstedt hat sich für sein Erstlingswerk “Jeffersons Erben - Wie die digitalen Medien die Politik verändern” auf eine Reise durch die USA begeben, um Wandel und Ursache der digitalen Revolution im politischen Raum nachzuspüren. Nachfolgend ein Interview, das ich für tapmag (wo unser Gespräch auch auf Englisch zu finden ist) mit ihm geführt habe:

Kolja Langnese: In Ihrem neuen Buch “Jeffersons Erben” geht es um den Einfluss, den das Internet und die neuen Medien auf Wahlkämpfe in den USA haben. Wie sehen diese Änderungen aus und was bringt der Wandel für Wähler und Wahlkämpfer?

Tobias Moorstedt: Das Netz verändert unser Privatleben (IM), die Unterhaltungsindustrie (MP3) und die Wirtschaft (Amazon). Wer kann sich noch vorstellen, ein Studium ohne die Hilfe von Wikipedia und Google zu überstehen? Und mit Email, Skype und Webcam halten wir Kontakt zu Freunden in weit entfernten Städten. Da wäre es doch ein Wunder, wenn ausgerechnet das politische System, das im Grunde ja aus dem Austausch und der Verarbeitung von Informationen besteht, von den neuen Informationstechnologien unberührt bliebe.

Um es kurz zu machen: Das Internet hat unsere Fähigkeiten verstärkt, Informationen zu sammeln, sie mit anderen Menschen zu teilen, und sich mit ihnen gegebenenfalls zu gemeinsamen Aktionen zu verabreden. Denken Sie nur daran, wie mühsam es noch vor 15 Jahren war, politisch aktiv zu werden; etwa ein Flugblatt zu entwerfen, zu kopieren und in der Fußgängerzone zu verteilen. Heute schreibt man eine Email an eine potentiell unbegrenzte Zahl an Empfängern.

Wer sind die Erben Jeffersons, und was verbindet sie mit den Idealen der amerikanischen Gründungsväter?

Moorstedt: Ich habe auf meiner Reise durch das Netz (und die realen USA) ganz unterschiedliche Menschen getroffen, die sich im Netz politisch engagieren. Einen Schüler aus Texas, der noch gar nicht wählen darf, sich aber in seiner konservativen Umgebung für Obama engagiert. Einen Blogger, der mit einem Mausklick viele Hunderttausend Menschen erreicht, einen Programmierer, der davon träumt, eine neue Verfassung zu programmieren.

Die wenigsten Netzaktivisten berufen sich direkt auf Thomas Jefferson oder Benjamin Franklin, aber sie wären wohl überrascht, wie viel sie mit den Founding Fathers gemein haben. Jefferson bezeichnete Information als Währung der Demokratie. Er machte sich Gedanken darüber, wie man Bürger direkt an den Entscheidungen der Regierung beteiligen könnte und so zu besseren, verantwortungsvolleren Bürger machen könnte. Und dann glaube ich hätte ihm die Energie und die Wut der Blogger und Aktivisten gefallen. Er meinte einmal: wir brauchen alle paar Jahre eine Revolution. Sie ist ein Sturm in der Atmosphäre.

Barack Obama hat über soziale Netzwerke wie facebook, myspace und seiner eigenen Plattform mybarackobama.com viele seiner jüngeren Wähler erreichen können. Mitt Romney hat in seiner Kampagne ähnliches probiert, konnte aber kaum Unterstützung online aufbauen. Sind demokratische Wähler internetaffiner?

Moorstedt: Demokratische Wähler sind im Durchschnitt jünger, besser gebildet und weiter gereist. Es gibt eine Art Digital Divide zwischen den beiden großen amerikanischen Parteien. Das heißt natürlich nicht, dass die Amerikaner im Herzland von Amerika keine Emails schreiben würden oder nicht wissen was WLAN ist.

Ich habe in Washington mit republikanischen Beratern gesprochen, sie meinen, dass ihre Kandidaten ein Problem mit der offenen Struktur des Webs haben: wenn ich mich im Netz präsentiere, dann muss ich zu einem gewissen Grad die Kontrolle darüber aufgeben, was die Menschen mit meinem Bild und meinen Aussagen machen, was sie auf meine Webseite schreiben. Republikaner sind sehr gut in der klassischen, hierarchisch organisierten Kampagne, in der alle immer “on the message” bleiben. Sie sind Kontroll-Freaks.

Außerdem: Die Republikaner hatten lange keinen Grund das Internet zu nutzen. Sie haben ihre Konkurrenten mit den alten Medien besiegt. Weil sie mit den traditionellen Medien so erfolgreich waren, haben sie nun einen Innovationsrückstand.

Wie groß ist der Anteil der Internetstrategie Obamas an seinem Erfolg in den Primaries? Wie könnte ihm das Internet zum Erfolg in der Präsidentschaftswahl verhelfen?

Moorstedt: Das Internet hat Obama sehr geholfen – oder besser: er hat es verstanden, es auf eine neue Art und Weise einzusetzen, die zu seiner Kampagne gepasst hat. Obama war neu, jung, aufregend, anders – er war wie eine lustiges YouTube-Video oder eine junge Band, die sich in sozialen Netzwerken schnell verbreitet. Obama hatte Hype-Potential – und das Internet ist ein Hype-Medium. A perfect match.

Gleichzeitig hat er über das Netz genügend Geld eingesammelt, um mit der reichsten und mächtigsten Familie der demokratischen Partei [Red.: die Clintons] mitzuhalten. Obama hat als erster Kandidat das Web zu einem integralen Bestandteil der Kampagne gemacht – es ist nicht nur ein weiterer Kanal, über den der Kandidat seine Botschaft ins Land sendet.

Mybarackobama.com ist ein Netzwerk, eine Plattform, auf dem sich lokale Gruppen unabhängig von der Kampagnenzentrale organisieren können - diese Freiwilligen führen für ihn Telefonanrufe durch, klopfen an Türen, sorgen in den letzten Tagen für einen „Surge on the ground“.

Hier hatten die Republikaner, die in Kirchen und Vereinen organisiert sind, traditionell einen Vorteil. Obama nutzt das virtuelle Netz, um die reale Straße zu erreichen.

Wie nutzt der sich selbst als Internet-Illiterat bezeichnende John McCain das Internet für seine Kampagne? Hat Obama noch einen substantiellen Vorteil, oder sind seine Taktiken mittlerweile gut
kopiert und von allen Kandidaten genutzt?

Moorstedt: McCain hat immerhin auch gesagt, dass er nun gerade lerne, wie man „the Google“ nutze. Ich finde das klingt, als sehe er die Suchmaschine als autonomes Orakel, als übermenschliches Wesen. Vielleicht ist er uns ja einen Schritt voraus.

Aber im Ernst: Auch McCain hat natürlich Email-Groups, soziale Netzwerke, eine Webseite und twittert, chattet, podcastet … die Aktivität im Netz für Obama ist immer noch weit größer. Er versteht die Mentalität und die Kultur des Webs weit besser. Man wird sehen, inwiefern sich die Zahl der Facebook-Freunde in die Wählerstimmen übersetzen lässt.

Vor Barack Obama hat auch schon Howard Dean eine große Online-Gefolgschaft aufbauen können, was ihm aber nicht zur Nominierung als Präsidentschaftskandidat der Demokraten verholfen hat. War die gesellschaftliche Wirkkraft des Internets 2004 noch nicht groß genug, um die Begeisterung seiner Anhänger weitere Kreise ziehen zu lassen?

Moorstedt: Vier Jahre sind im Netz eine lange Zeit. Wie viele Leute hatten 2004 schon DSL oder WLAN? YouTube und MySpace gab es noch nicht. Smartphones waren das exklusive Instrument der Business-Elite. Es gibt viele Experten, die der Meinung sind, dass 2008 die erste echte Online-Wahl ist. Es stimmt natürlich, dass die Dean-Kampagne die Online-Begeisterung, die sie umgab, am Ende nicht in die Wahlkabinen retten konnte.

Man darf aber nicht vergessen, dass Dean, als er die Führung in Spenden und Umfragen übernommen hatte, von allen Seiten, in TV-Ads und mit Negativkampagnen attackiert wurde Es ist falsch zu denken, nur weil Dean nicht gewonnen hat, besitze das Internet keine politische Wirksamkeit. Joe Trippi, sein Campaign Manager, sagte mir: „it was the first time a candidat lost, but his campaign won.“

Ist das Internet überhaupt geeignet, um neue Wähler an Bord zu bekommen? Oder erreicht man Online nur die ohnehin schon konvertierten?

Moorstedt: Jeder Politiker, jede Partei und jede NGO muss im Internet für sich werben – denn dort halten sich ihre Ansprechpartner in zunehmenden Maße auf. Es gibt noch keine verlässlichen Studien darüber, ob interaktive Medien wie das WWW zu einer Steigerung der politischen Aktivität der Bürger führen. Was man sicher weiß ist, dass Internet-User, welche die Webseite eines Kandidaten aufsuchen, ihn mit hoher Wahrscheinlichkeit auch wählen werden.

Die Webseiten sollten also nicht nur virtuelle Versionen der Plakate und Flyer sein, sondern eine Plattform, auf der sich die Mitglieder der Politik-Community, die sich im besten Fall um den Kandidaten bildet, treffen und koordinieren können.

Obama behauptet, mit den vielen kleinen Spenden, die er vor allem über das Internet eingesammelt hat, die Macht der großen Schecks gebrochen zu haben. Kann das Internet den Einfluss von
Special Interest Groups eindämmen?

Moorstedt: Auch Barack Obama nimmt natürlich Spenden aus dem Silicon Valley und der Wall Street an. Er hat es aber geschafft, viele Hunderttausend Kleinspender für sich gewinnen, die mal 10 Dollar geben, und mal 50 Dollar. Das verschaffte ihm im Vorwahlkampf einen entscheidenden Vorteil gegenüber Hillary Clinton.

Der Pool der potentiellen Spender hat sich erweitert. Es kann sein, dass ein Politiker, der auf viele Kleinspenden zurückgreifen kann, eine gewisse Unabhängigkeit erhält, weil er nicht auf die Agenda der Gewerkschaften oder von Big Business achten muss. Es wäre jedoch finanzieller Populismus, wenn man behaupten würde, dass nun die Corporate Lobbyists und Special Interest Groups auf dem Abstellgleis gelandet sind. Die interessantere Frage finde ich ist: Wie halten die Kleinspender den Politiker und die Parteien accountable? Nach dem Motto: wir haben Dich unterstützt. Now we own you!

Wie sind diese Ergebnisse mit Deutschland und Europa vergleichbar? Hubertus Heil twitterte gerade vom Parteitag der Demokraten in Denver, aber bringt das den SPD-Generalsekretär näher an die jungen Wähler? Welche Strategien lassen sich in Deutschland implementieren, welche scheitern an den transatlantischen Unterschieden?

Moorstedt: Eine USA-Reise ist zumindest in medientechnologischer Hinsicht oft eine Reise in die Zukunft. Amerika hat, was den Gebrauch von Smartphones, WLAN oder auch Pay-TV angeht, einen 5-Jahres-Vorsprung vor Europa. Ich bin mir sicher, dass sich auch die deutsche Blogosphäre in naher Zukunft zu einer wichtigen Stimme in der politischen Debatte entwickeln wird.

Die SPD hat mit meinespd.de ja auch bereits ein soziales Netzwerk online geschaltet, das aber noch ziemlich verlassen wirkt. Man darf nicht vergessen, dass wir ein anderes politisches System in Deutschland als in den USA haben: parlamentarische Demokratie vs. starker Präsident, ausgeprägte Parteinlandschaft vs. Wahlkampf-Allianzen, und so weiter.

Aber auch in Deutschland treten immer weniger Menschen in die Parteien ein. Die Neigung, sich mit Mitgliedsbeitrag und Parteibuch langfristig zu engagieren, nimmt immer mehr ab. Das heißt aber nicht, dass die Menschen immer egoistischer werden. Sie engagieren sich nur auf eine andere Art und Weise: kürzer, aber auch intensiver.

Welche Gefahren bestehen durch die Verlagerung des Wahlkampfes ins Internet? Könnte es zu einer Fragmentierung und schleichenden Radikalisierung der politischen Lager kommen, wie es etwa Cass Sunstein in seinem Buch “Republic.com” beschreibt?

Moorstedt: Es gibt viele bedenkliche Tendenzen: etwa die Möglichkeit, anonym falsche Informationen zu verbreiten. Das Web ist ein ideales Propagandamedium. Auch der Umgang mit persönlichen Daten von Wählern muss besser kontrolliert werden.

Sunstein spricht von einem radikalisierenden Effekt der Blog-Communitys. Weil auf Blogs wie MyDD, Dailykos oder Little Green Footballs nur Aktivisten der einen oder anderen Seite verkehren, und sich untereinander in ihrer Meinung bestätigen, würden die Ansichten und Aktionen im Laufe der Zeit immer extremer werden.

Es ist ein interessantes Argument. Und es stimmt auch, dass man im Internet die Wahrscheinlichkeit von kognitiven Dissonanzen vermeiden kann. Man stößt nicht mehr, wie beim Durchblättern einer Zeitung, auf fremde Meinungen, Nachrichten, die man nicht hören will, Fotos, die einen verstören.

Ein konservativer Amerikaner, der sich nur auf der Webseite von Fox News, Rush Limbaugh und Instapundit aufhält, bekommt natürlich nur wenige Pro-Argumente für die allgemeine Krankenversicherung und lebt in seinem eigenen News-Kosmos. Manche Experten sprechen von einer Balkanisierung des Internets.

Der harsche Tonfall und die Freund-Feind-Rhetorik der Politik-Blogs scheinen die These zu stützen: ich finde die Aktivität der Blogger eher inspirierend denn bedenklich. Auch wenn der eine oder andere mal über das Ziel hinausschießt. Die Energie der amerikanischen Blogger ist mir allemal lieber als die Apathie des durchschnittlichen Wählers.

Tobias Moorstedt: Jeffersons Erben – Wie die digitalen Medien die Politik verändern. Euro 9,00 [D], erschienen am 22.09.2008, edition suhrkamp 2571, 165 Seiten, Broschur, ISBN 978-3-518-12571-7.

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