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Diagnose: Nachrichtenmüdigkeit
Published on 07/07/08
by Kolja
Die AP hat eine Studie zur Nutzung von Nachrichten im Internet in Auftag gegeben. Die Ergebnisse zeigen, wie sehr sich jüngere und ältere Generationen in der Nutzung unterscheiden, und wie schnell man im Nachrichtenfluss untergehen kann. Jüngere Rezipienten (in der Studie 18- bis 34-jährige) ziehen nicht nur andere Kanäle als gedruckte Zeitungen heran, sie tun das auch konstant über den gesamten Tag verteilt. Die wichtigste Erkenntnis, die sich aus der Studie ergibt: Viele Nutzer erleben Nachrichtenmüdigkeit, wenn sie versuchen, durch den überbordenden Nachrichtenfluss aus aufgewärmten Überschriften und irreführenden Teasern zu navigieren.
Die meisten Nachrichten im Internet bestehen aus zusammenhangslosen Updates und isolierten Fakten zu einer Meldung. Da gelingt es häufig nicht, bis zur Ursprungsgeschichte durchzudringen, oder herauszufinden, welche Wendungen die Nachricht im Zeitverlauf genommen hat. Dieser Teil der Geschichte bleibt häufig unter der Falz, und ist damit nur schwer zu entdecken.
Mehr Medien, weniger Zeit
Wie kommt es dazu? Das ständige Abrufen von Nachrichten ist vor allem eine Folge von Langeweile – es führt nur selten dazu, dass die Nutzer eine Geschichte auch in der Gänze lesen. Meist bleiben nur Überschriften und Updates hängen. Das gilt vor allem für die Nachrichten, die im Rahmen von anderen Angeboten gelesen werden, zum Beispiel während der Nutzung von Webmailern.
Ein weiterer Faktor: Die Parallelnutzung von Medien hat sich durchgesetzt und beeinflusst immer stärker auch das Sozialverhalten. Die Nutzer konsumieren Nachrichten und sind gleichzeitig mit der Pflege von sozialen Beziehungen beschäftigt. Der Kampf ums Aufmerksamkeitsbudget wird in dieser Multitaskingumgebung immer härter.
So kommt es zu dem paradoxen Ergebnis, dass die Nutzer Hintergrundanalyse einfordern, sie aber nicht bekommen. Die AP-Studie beschreibt, wie die Nutzer immer wieder auf Überschriften oder Teaser klickten, jedoch nie zu detaillierten Informationen durchdrangen, sondern sich immer nur neuen Varianten ein und derselben Nachricht gegenüber sahen. Die Symptome, die sich daraus entwickeln, diagnostiziert die Studie mit Nachrichtenmüdigkeit – die Nutzer fühlen sich schlaff und geschwächt durch den Informationsüberfluss und den unbefriedigenden Charakter der eigenen Bemühungen, die Nachrichten zu kontextualisieren. Je überwältigter oder unzufriedener die Nutzer waren, desto weniger Aufwand waren sie gewillt, in den Konsum von Nachrichten zu investieren.
Therapie mit Hintergrundwissen
Als Gegenmittel empfiehlt die AP-Studie den Nachrichtenmedien, anstatt die vorhandenen Kanäle mit sich selbst wiederholenden Geschichten zu überfluten, die Aufmerksamkeit der Nutzer mit überzeugenden Meldungen und guter, dem Inhalt angepasster Aufmachung auf sich zu ziehen.
Denn die Geduld mit Formaten, die ihre eigenen Versprechungen nicht einlösen, ist schneller weg als die Nachrichtenmacher „Klick“ sagen können. Das Publikum honoriert vor allem gewitzte Darstellungen. Am besten kommen Artikel an, die die an sie gestellten Erwartungen noch übererfüllen. Also lieber tiefstapeln und dann über das Ziel hinaus schießen.
Bleibt das Problem, das Nutzer erleben, wenn sie nicht wissen welcher Aspekt einer Geschichte noch aktuell ist, und vor welchem Hintergrund sich eine Meldung abspielt. Mit den vielen verschiedenen Wegen der Nachrichtenrezeption entsteht eine Vielzahl von Kanälen, durch die Nutzer zu einer Meldung gelangen können. Ein einheitlicher Wissenstand kann nicht vorausgesetzt werden, genauso wenig ein lineares Verständnis einer Meldung.
Dem Nutzer müssen darum individuell angepasste Einstiegmöglichkeiten gegeben werden, so dass im Idealfall der Aufbau der Informationen den Weg des Nutzers zur Nachricht reflektiert. Das geht nur, in dem die Nachrichtenseiten technische Filtermöglichkeiten (Woher kommt der Nutzer? RSS-Feed, Link oder Syndizierung auf einem anderen Angebot?) mit dem Wissen der Redakteure (Was ist der Hintergrund dieser Meldung? Welche wichtigen Fragen wirft sie auf? Welche Bedeutung hat diese Meldung für bestimmte Gemeinschaften?) kombinieren.
Wem das gelingt, der kann sich im Web als Inhaltelieferant durchsetzen.
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