All Things Considered

Archive for the ‘Online’ Category

Wie man Piraten das Wasser abgräbt

Saturday, November 22nd, 2008

Und zwar den metaphorischen, nicht den echten, vor der somalischen Küste auf Öltanker lauernden, das erklärt Matt Mason in “The Pirate’s Dilemma“. Das Buch versammelt viele Beispiele für die kulturellen und ökonomischen Wirkungen von geistiger und materieller Piraterie, meist mit einer klar positiven Einstellung gegenüber den Piraten und ihrem Tun.

Kulturell wird alles von den Punks, Fanzines und der Do-it-yourself-Bewegung über HipHop, Mixtapes und Samples bis zur Open-Source-Gesellschaft abgehandelt. Und natürlich wird auch auf die Musik- und Filmindustrie eingegangen - immer mit der These, dass Piraterie gesamtgesellschaftlich ein wertvolles Marktkorrektiv darstellt, da sie bestehende Ungleichgewichte verlagern kann. Wenn angegriffene Unternehmen mit den Piraten in ihren Gewässern konkurrieren, dann sei das schlecht für die Piraten, aber  besser für alle anderen, schreibt Mason.

Sehr viel neues gibt es nicht zu entdecken, aber als Überblick eignet sich die Zusammenstellung recht gut. Das Buch gibt es, na klar, auch als Piratenversion als Download. Den Preis kann man selbst bestimmen.

On-Demand-Media zum Aufhängen

Wednesday, October 29th, 2008

Die BBC hat Anfang 2008 eine Studie zu den veränderten Mediennutzungsgewohneiten ihrer Nutzer durchgeführt:

“we studied how people find, play, personalise and share programmes across different devices and services - like BBC iPlayer, Sky+, YouTube, peer-to-peer and traditional TV and radio.”

Die Ergebnisse sind in zwei Illustrationen verpackt worden, die es in die ein oder andere Powerpoint-Präsentation schaffen dürften.

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Politics 2.0 – Wie das Web den Einzug ins Weiße Haus mitbestimmt

Wednesday, October 8th, 2008

Mit neuen Medien entstehen neue Öffentlichkeiten. Ein besonders umfassendes Beispiel für die Verlagerung von öffentlicher Debatte in den virtuellen Raum kann man derzeit in den USA beobachten. Im Rennen um das Weiße Haus ist die Internet-Strategie von Barack Obama und John McCain ein zentraler Knackpunkt, der über Sieg oder Niederlage entscheidet.

Wer auf Facebook und Myspace die Nase vorn hat, und die Blogs hinter sich weiß, kann entscheidende Vorteile in der Motivierung der eigenen Anhängerschaft nutzen. Journalist und Autor Tobias Moorstedt hat sich für sein Erstlingswerk “Jeffersons Erben - Wie die digitalen Medien die Politik verändern” auf eine Reise durch die USA begeben, um Wandel und Ursache der digitalen Revolution im politischen Raum nachzuspüren. Nachfolgend ein Interview, das ich für tapmag (wo unser Gespräch auch auf Englisch zu finden ist) mit ihm geführt habe:

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NBC steht in den Startlöchern

Friday, August 8th, 2008

Wenn heute die olympischen Spiele eröffnet werden, dann bedeutet das auch den Auftakt für eine gigantische Welle von Sportsendungen, die in den nächsten siebzehn Tagen die Bildschirme überschwemmen wird. Alleine der amerikanische Fernsehsender NBC wird 3.600 Stunden Berichterstattung auf den hauseigenen Fernsehkanälen und über Live-Streams und andere Verbreitungswege im Netz auf die Zuschauer loslassen – ein Vorhaben, das NBC selbst  “the single most ambitious media project in history” nennt.

Die große Frage für NBC ist dabei nicht wer das alles schauen soll, sondern wie das alles geschaut wird. Denn das der Bedarf an Live-Sportübertragungen ungebrochen ist, steht außer Frage – niemand weiß aber, über welchen Übertragungsweg die Zuschauer am liebsten Siege und Niederlagen, Schweiß und Glück der Olympioniken miterleben wollen. Diese Faszination der Zuschauer ließ sich bisher immer bestens in Form von Werbezeiten in Geld umwandeln, deshalb musste NBC für die Rechte an den Spielen ganze 894 Millionen US-Dollar bezahlen.

Doch das Vertrauen der Werbekunden in das Medium Fernsehen sinkt, die jungen Zielgruppen wandern ins Netz und zu anderen Plattformen ab, digitale Videorekorder wie TiVo ziehen Unterbrecherwerbung den Boden unter den Füssen weg, weil die Werbepausen einfach vorgespult werden können. NBC hat auch deshalb soviel Geld für die Übertragungsrechte der Spiele in Peking hingelegt, weil die Senderverantwortlichen besonderes vorhaben, erklärt der amerikanische Medienjournalist Grant Robertson im Globe & Mail.  “What this really is, is a billion-dollar research lab”, zitiert er Alan Wurtzel, President of Research bei NBC Universal.

Wurtzel und seine Leute wollen die seltene Chance ergreifen und nachweisen, dass trotz sinkender Zuschauerzahlen im traditionellen Fernsehmarkt die kombinierten Zuschauerzahlen über alle Plattformen hinweg tatsächlich wachsen. „[They] believe television is no longer counting its viewers the right way“ erklärt Robertson. Diese arithmetische Schwäche soll TAMI, der Total Audience Measurement Index, beheben. Diese Zählweise könnte dann, so erfolgreich in der olympischen Testphase, die bisherigen isolierten Quotenmessungen ablösen, und das gesamte Publikum eines Programms in einer Zahl darstellen.

Im Interview bei On The Media hat Robertson seine Einschätzung der Erfolgsaussichten für das Projekt dargelegt. Viel hängt für ihn davon ab, ob sich anhand der Zahlen nachweisen lässt, dass viele junge Zuschauer nicht verloren sind, sondern über Internet oder Handy das Programm konsumieren. Wenn NBC den Werbekunden eine Möglichkeit geben könnte, diese verloren geglaubten Zielgruppen wieder zu erreichen, und das auf Plattformen, auf denen Werbung effektiv geschaltet werden kann, hätte sich die Investition gelohnt.

Die Idee abschreiben könnte NBC wohl, wenn die Zahlen das Horrorszenario der Medienbranche abbilden – ein stark fragmentiertes Umfeld, in denen jeder Verwertungskanal nur wenige Zuschauer versammeln kann, die sich dann auch noch äußerst resistent gegen Werbung in Internet-Videos zeigen oder die Vorspultaste des digitalen Videorekorders mit Freude nutzen um der Werbung aus dem Weg zu gehen. Wenn also die befürchtete Erosion der Zuschauermärkte real ist, dann hätte sich “the single most ambitious media project in history” als Rohrkrepierer erwiesen, führt Robertson aus.

Ein Verlustgeschäft wird Olympia für NBC aber trotzdem nicht werden, der Sender rechnet mit einem zehnprozentigem Profit aus Werbung und Weitervermarktung der eigenen Inhalte. Denn um eine Vielzahl von Menschen über einen Kanal mit den eigenen Werbebotschaften zu erreichen, darin ist das Fernsehen gekoppelt mit der Anziehungskraft eines Sportereignisses wie den olympischen Spielen nach wie vor ungeschlagen. Gerade hat Barack Obamas Wahlkampfteam TV-Sendezeit im Wert von fünf Millionen US-Dollar bei NBC eingekauft – auch der facebook-Kandidat, der im Internet so viele neue Wähler erreichen konnte, setzt also auf das alte Medium Fernsehen, um mit wenig Aufwand viele Menschen zu erreichen.

Hier ist noch eine Videovorstellung des NBC Players, der während der Spiele zum Einsatz kommt, aber nur von den USA aus aufgerufen werden kann:

Zensur und Freiheit

Saturday, March 15th, 2008

Von beidem kann man zuviel haben, habe ich Donnerstag im berliner Büro der FAZ gelernt. Dort sprachen FAZ-Herausgeber Werner D’Inka und weitere Gäste über die Chancen und Risiken, die sich für Journalismus im Internet auftun. Eingeladen hatte das Institute for International Journalism.

Reporters Without Borders - Press Freedom Map

Zu Anfang gab’s erstmal auf den Deckel für Reporter ohne Grenzen. Die hatten Indien auf den 120. Platz in der Rangliste der Pressefreiheit verbannt, hinter solche Freiheitsgaranten wie Kenia, Bhutan und den Tschad. Darüber beschwerte sich lautstark Vidya Subrahmaniam von der indischen Tageszeitung “The Hindu”. Michael Redisk, Vorstandssprecher von Reporter ohne Grenzen, musste bei diesem Angriff passen. Mit Indien beschäftige man sich nicht sehr eingehend, gab er zu.

Dabei, so erklärten Subrahmaniam wie auch Sankarshan Thakur vom „Telegraph“, geniesse Indiens Presse in vielerlei Hinsicht doch gerade zuviel Freiheiten. Auf einem Markt, in dem über 60.000 Zeitungen gegeneinander antreten, können sich die Konsumenten über mangelnde Vielfalt nicht gerade beklagen. Die vielen neuen Leser, die dank sinkenden Analphabetismusraten an die Kioske strömen, werden mit harten Bandagen umkämpft. Leider schlage sich dieses rasante Wachstum aber nur in Quantität – jedes Jahr werden mehr als 2000 neue Zeitungen auf den Markt gebracht – aber nicht in Qualität wieder.

Das hat zwei Gründe. Die vielen neuen Leser werden vor allem mit viel Schnulz, Sport und Sex gelockt, nur selten schaffen es relevante politische Meldungen auf die Titelseite. Dazu liefern sich konkurrierende Zeitungen häufig ruinöse Preisschlachten, so dass manches Blatt für weniger als umgerechnet einen Euro-Cent zu haben ist. Das alles stärkt nicht gerade die Position der Journalisten in ihren Zeitungen. Und so fällt oft der Betriebswirt die Entscheidung über das Titelfoto. Schließlich müsse das doch ein angenehmes werbliches Umfeld für den Anzeigenkunden herstellen, erzählte Thakur. Journalistisches Argumentieren mit Nachrichtenwerten hilft da nicht viel. Zu viel Freiheiten auf dem Markt erweisen sich in diesem Fall als kontraproduktiv für die Sache der Pressefreiheit, resümierten beide indische Journalisten.

Für diese Probleme hatten die vielen Anwesenden Journalisten aus verschiedenen Entwicklungsländern nur ein mildes Lächeln über. Für sie ging es um grundsätzliches: Wie kann ich Radio senden, wenn der Staat Störsender einsetzt? Was bringen Blogs, wenn ein Großteil der Bevölkerung nicht lesen kann und auch keinen Zugang zum Internet besitzt? Und wenn Blogs, wie kann man verhindern, dass sie als agitatorisches Werkzeug mißbraucht werden, wie es in Kenia geschehen ist. Dort hatten Hetzer in ihren Blogs zum Mord an Oppositionspolitikern aufgerufen.

Die Möglichkeiten, die das Web bietet um Zensur zu umgehen, können in den kritischen Gebieten der Erde noch gar nicht wahrgenommen werden, ist das ernüchternde Ergebnis. In Afrika könnten Informationen mittels Handys sehr viel mehr Menschen erreichen, als das über das Kabeltelefonnetz jetzt noch möglich ist. Allein, die Technik ist nicht soweit. „Wir leben in prähistorischen Zeiten, was Online-Journalismus angeht“, fasste es der Direktor des World Editor Forums, Bertrand Pecquerie, zusammen.

Ansonsten ging es wieder einmal viel um den gefühlten Gegensatz von Print- und Online-Journalismus und der Rolle, die Bürgerjournalisten und User-Generated-Content bei der Ablösung klassischer Medien als gesellschaftliche Instanzen der Informationsvermittlung spielen. Diese Diskussion, so sehr sie betroffene Journalisten interessieren mag, geht aber an der Frage nach der Demokratiefunktion von elektronischen Medien vorbei.

In undemokratischen Gesellschaften gibt es kein etabliertes Mediensystem, keine erfahrenen Journalisten, die sich im angeblichen Wettstreit mit Bloggern befinden. Alle kritischen Journalisten sind zugleich Bürgerjournalisten, weil sie sich ausserhalb von etablierten Medienorganisationen bewegen müssen. Um Publizieren zu können, können sie nur auf Plattformen und Alternativmedien wie Blogs, Social Networks und Piratenradio ausweichen. Es ist zwar nicht egal, ob man schon zwanzig Jahre Erfahrung im Journalismus hat, oder zum erstenmal ein Mikrofon in der Hand hält - aber unter demokratiefeindlichen Regimen  spielt das keine Rolle um Zugang zu relevanten Veröffentlichungskanälen zu bekommen. Kritische Berichsterstatter sind auf die Werkzeuge der Bürgerjournalisten angewiesen, weil sie sonst nichts veröffentlichen können.