All Things Considered

Archive for the ‘Medienethik’ Category

US-Fernsehen braucht einen Eheberater

Friday, August 8th, 2008

“Erwähnungen von Inzest, Pädophilie, Partnertausch, Prostitution, Sex zu dritt, Transsexuellen und Transvestiten, Sex mit Tieren und Sex mit Leichen überwiegen Erwähnungen von Sex zwischen Ehepartnern im Programm von NBC im Verhältnis von 27:1.”

Eine neue (Pseudo-)Studie des amerikanischen Parents Television Council schlägt Alarm. Amerikanische Fernsehsender stellen Sex zwischen Eheleuten als entweder nicht-existent oder als überaus mühevoll dar, während außereheliche oder ehebrecherische sexuelle Beziehungen in den untersuchten Sendungen rundum positiv wegkommen. Noch mehr Ergebnisse, die bezeugen, dass die Drehbuchautoren in den USA Sex in der Ehe für überbewertet und eigentlich uninteressant halten:

  • Sex zwischen nichtverheirateten Menschen wird dreimal häufiger erwähnt, als Sex zwischen Eheleuten
  • Implizite oder explizite Darstellungen in denen nichtverheiratete Personen Sex haben, kommen viermal häufiger vor als Sex zwischen Eheleuten
  • NBC zeigte im Untersuchungszeitraum genauso viele Szenen, in denen Ehepartner Sex hatten, wie Szenen in denen Sex zwischen Erwachsenen und Minderjährigen erwähnt wurde
  • Darstellungen von Voyeurismus, Transvestiten oder Transsexuellen, Sex zu dritt, Fetisch-Sex, Bondage, Sado-Maso und Prostitution sind 2,7 mal häufiger zu sehen als Sex-Szenen zwischen Eheleuten

In diesem Ergebnis erkennt das Parents Television Council eine Verschwörung gegen die Ehe in Hollywood. Indem Sex zwischen züchtig verheitateten Eheleuten permanent schlecht gemacht wird, soll die Institution Ehe unterminiert werden, wird befürchtet. Und als abschreckendes Beispiel sind in der Studie gleich auch noch die betreffenden Zitate aus den untersuchten Sendungen mitgeliefert.

Der Verweis auf Sex zwischen Minderjährigen und Erwachsenen stammt z.B. aus der großartigen Serie 30 Rock und hört sich so an:

“Describing a new TV show, Jack says ‘’MILF Island’: 25 super-hot moms, 50 8th grade boys — no rules.’”

Oder als Nachweis für die negative Darstellung von Sex zwischen Eheleuten aus der ABC-Show Carpoolers:

Laird: “I haven’t heard the life-affirming sound of panties hitting the floor in over two weeks.”
Aubrey: “Two weeks? I haven’t seen my wife naked in two years!”
Dougie: “Well, what about sex?”
Aubrey: “When you’ve been married as long as I have, seeing your wife naked is having sex.”

Eine Sammlung großartiger Dialoge, die das Parents Television Council da zusammen gestellt hat, vielen Dank dafür. Den konservativen Schmarrn vom Sittenverfall der Jugend hätte man sich natürlich sparen können, aber dazu ist die Organisation ja schließlich da. Können die also ruhig machen, ich will nur wissen wann genau MILF Island anläuft.

Das alles via Jeff Bercovici, der gleich mal vorschlägt, NBC sollte es sowie die Produzenten von Gossip Girl machen. Die haben die Verurteilungen durch das Parents Television Council für eine Plakatkampagne genutzt.

Vier sind eine zuviel

Thursday, July 10th, 2008

Mit der Nachricht von den iranischen Raketentests am Donnerstag wurde ein Foto verbreitet, das eine Rakete mehr zeigt, als abgefeuert wurden. Erkennbar ist die Manipulation an der Staubwolke, die die startenden Raketen aufwirbeln.

Photo by AFP, Illustration by New York Times

Eine Rakete wollte nicht so recht abheben, darum ist der waffentechnische Faux-Pas wohl nachträglich abgedeckt worden. Denn das passt natürlich nicht zum Bild des waffenstarrenden Iran. Ausserdem ist die Bildkomposition mit liegengebliebener Rakete eindeutig nicht so ansprechend:

Mittlerweile hat die Agence France Press das Foto als Fälschung zurückgezogen, Quelle ist die iranische Nachrichtenwebsite Sepah News, schreibt die New York Times. Das manipulierte Foto mit dem perfekt aufgereihten Raketenstart ist unter anderem hier:

hier:

und hier zu bewundern:

Ist ein Foto erstmal im Stock der Agenturen, schaut niemand mehr genauer hin - Es trägt ja den Stempel AFP, da braucht man nicht weiter mißtrauisch sein. Die Nachrichtenagenturen sollten darüber nachdenken, einen Fotoredakteur einzustellen, der Bilder aus zweifelhaften Quellen auf grafische Manipulationen gegenprüft.

Mehr Fälschungen, die es weit gebracht haben, sammelt Hany Farid hier.

(via)

JournalistenVZ

Monday, June 9th, 2008

Britische Journalisten erfreuen sich einer ganz besonderen Aufmerksamkeit: Auf Journalisted kann jeder ihr Schaffen verfolgen. Die Artikel eines Reporters lassen sich gebündelt anzeigen, man kann auch gleich die allerneuesten Geschichten abonnieren, und bekommt einen Hinweis, sobald etwas neues publiziert wurde.

Wenn die Medien Menschen in ihren öffentlichen Funktionen zur Verantwortung ziehen sollen, dann ist es ja nur recht und billig, wenn die Menschen hinter den Medien genauso sehr verantwortlich gehalten werden. Trotzdem ist das wohl für die meisten Journalisten erstmal erschreckend, zwar freut man sich wenn die eigene Byline mal wiedererkannt wird, aber Journalisted geht noch etwas weiter. Die Seite funktioniert als Referenzpunkt, an dem sich Aussagen festmachen lassen, indem sie alle Arikel eines Autoren an einem Ort zusammenbringt. “Was interessiert mich, was ich gestern geschrieben hab”, funktioniert unter diesen Bedingungen nicht mehr.

Dabei passiert auf der Seite nichts anderes, als ohnehin verfügbare Information zu sammeln und zusammenzuführen. Jeff Jarvis und Howard Owens würden die Seite wahrscheinlich begrüßen, ist sie doch ein Baustein in ihrem Baukasten für einen offeneren, moderneren Journalismus. Sie fordern, dass Journalisten die Entstehungsgeschichte ihrer Artikel öffentlich machen und in der Öffentlichkeit immer mit ihren Namen auftreten, damit sich ihre Aussagen überprüfen lassen.

Das Problem ist nur, dass diese Forderungen nach Integrität und Verantwortlichkeit einen idealen Maßstab an Artikel anlegen, die unter alles anderen als idealen Bedingungen entstanden sind. Bei dem Boulevardblatt The Sun kommt man nicht weit, wenn man immer den journalistischen Ethikkodex rausholt, wenn der Chefredakteur die Headline mal wieder zuspitzt. Ob Journalisted ein längst überfälliges Kontrollwerkzeug ist, oder bloß genutzt wird, um die Boulevard-Journaille mal so richtig vorzuführen, oder aber einfach nur eine Möglichkeit darstellt, dem Werkeln diverser Edelfedern zu folgen, ist nicht auszumachen. Wahrscheinlich alles ein bißchen, die Macher der Seite sehen sich jedenfalls als Kontrollinstanz, und fordern einen transparenten Journalismus ein. Es ist eben wie mit diesen vermaleideten sozialen Netzwerken – die Möglichkeiten zur Vernetzung sind da, die Auswirkungen sind bloß nicht abzusehen.

(via)