In Deutschland haben wir klare Vorstellungen von zulässigen und unzulässigen Formen journalistischer Berichterstattung. Abgeleitet aus §1 GG “Die Würde des Menschen ist unantastbar” haben die meisten Menschen ein Anrecht auf Privatsphäre und können nicht so ohne weiteres gegen ihren Willen in die Öffentlichkeit gezerrt werden. Diese Grundsätze werden immer wieder geprüft und abgeklopft, sind aber in ihren Grundfesten ganz solide in der deutschen Gesellschaft verankert.
Ganz anders der Ansatz in den USA: Die staatliche Einmischung in die Meinungsäußerungen der Bürger soll so gering wie möglich gehalten werden. Dass ein Gesetz die Leugnung des Holocausts unter Strafe stellt, ist unter diesem Gesichtspunkt undenkbar. Darum werden auch Angeklagte oder Verdächtigte in der Presse mit vollem Namen genannt.
Erstmal kein Problem, zwei Länder, zwei Rechtsauffasungen. Leider kann man aber von Deutschland aus ganz einfach auf amerikanische Nachrichtenseiten zugreifen. In diesem Moment wird der Versuch, bestimmte Fakten oder Namen aus der öffentlichen Diskussion herauszuhalten, unterlaufen. Das weiche Recht auf Menschenwürde in Deutschland verliert gegen den pragmatischen Vollzug des Rechts auf Informationsfreiheit in den USA.
Diese Entwicklung und verwandte Fragen haben wir vor einigen Tagen im Tapmag-Seminar “Reporting America” mit dem Journalisten und USA-Erklärt-Blogger Scot W. Stevenson besprochen. Hier ist das Video von der Sitzung, Stevenson geht sehr genau auf die unterschiedliche rechtliche Basis der beiden Systeme ein, und zieht weitere Schlüsse aus den Gegensätzen.
Newsweek hat gerade gerelauncht, Time bereitet einen neuen Auftritt vor. Die Umstellungen kommen spät und vor dem Hintergrund fallender Werbeaufwendungen in wöchentlichen Nachrichtenmagazinen in den USA.
Dass es auch anders geht, zeigt der Economist, der im amerikanischen Markt in den letzten Jahren viele Leser gewonnen hat. Ob die etablierten Magazine diesen Erfolg wiederholen können, darf aber angezweifelt werden. Der Economist hat sich als globales Leitmedium für eine internationale Leserschaft positioniert, deren Interesse an der Welt weit über den Horizont des Heimatlandes hinausgeht. Diese Nische ist gut besetzt.
Ausserdem profitiert eins der dienstältesten Magazine der Welt von der nicht-vorhandenen Web-Strategie vergangener Jahre. Paradox? Nicht, wenn man Michael Hirschorn und Bob Cohn vom Atlantic-Magazin über den Niedergang des großen amerikanischen Nachrichtenmagazins diskutieren hört.
CNN hat ein Problem: die eigene Unparteilichkeit. Die Konkurrenten Fox News und MSNBC erreichen Abend für Abend mit eindeutig politisch gefärbten Kommentaren höhere Quoten als das Urgestein der 24-Stunden-Nachrichtensender, schreibt die New York Times.
Neutral sein zieht nicht mehr. Zwar hat CNN die beste Marke wenn es um aktuelle Nachrichten geht, aber das hilft nur bei großen Ereignissen. Wird ein Präsident gewählt, eine Regierung gestürzt oder ein Land angegriffen, dann schlägt die Stunde von CNN. Wenn abends wieder mal nur das übliche Hin und her auf der politischen Bühne kommentiert werden muss, schalten die Zuschauer lieber die Parteifunkzentralen ein.
Die Frage ist jetzt: wann knickt CNN ein? Jon Klein, Präsident des nationalen CNN Kanals gibt sich kämpferisch:
“There are several networks that reside in the cable news category, but only one that reliably delivers the news unbiased. We would do ourselves a disservice if we thought that our main competitors were the other so-called cable news networks. They don’t have journalists on in prime time.” (aus dem New York Times Artikel)
Die weitere Entwicklung hängt damit stark von der politischen Zukunft der USA ab. Wenn die politische Lagerbildung und Boulevardisierung der Nachrichten anhält, sieht es finster aus für distanzierten, werturteilsfreien Journalismus im Kabelnetz. Sollte aber die Tendenz zur Auflösung eben dieser politischen Lager in der Gesellschaft durchschlagen, dann könnte CNN langfristig auf die richtige Strategie gesetzt haben.
Es ist einfach schwer zu erkennen, worauf die Gesellschaft zusteuert. Einerseits lassen sich sogenannte Dealignment-Prozesse nachweisen. Die Bindung an politische Richtungen schrumpft, immer weniger US-Bürger ordnen sich einem bestimmten politischen Lager zu.
Das gilt aber nicht für die News-Junkies, von denen die Kabelnachrichtensender abhängig sind. Dieses Publikum goutiert vor allem tendenziöse Berichterstattung. Die rohen Nachrichten holen sich die Zuschauer im Netz, im TV sollen dann die Geschichten möglichst unterhaltsam verpackt eingeordnet werden. Und das machen Fox News und MSNBC eben besser.
Wenn die Daily Show die New York Times besucht, muss man fast ein bißchen Mitleid haben mit den armen Zeitungsredakteuren. Sachlich abgewogen, alle Seiten bedenkend, dröge und langweilig kommen die NYT-Macher daher, so will es zumindest die Daily-Show-Dramaturgie.
“Zeig mir eine Nachricht hier drinnen, die von heute ist.”
Andererseits beweist die Tatsache, dass die Daily Show überhaupt in die Redaktionsräume durfte, dass die New York Times mehr Humor hat, als man ihr gemeinhin zutraut.
Wie Obamaesk sind die Kandidaten für die deutsche Bundestagswahl? Auf tapmag.net gibt es gerade eine gute Serie, die Merkel, Steinmeier & Co. mit dem US-Präsdidenten vergleicht.
Der Chefredakteur des Handelsblatts Bernd Ziesemer hat eine wütende Polemik in zehn Teilen verfasst, die auf die Betriebswirte zielt, die ja so gerne Redaktionen zusammen kürzen möchten, und das Herz der Zeitung – die Texte – als Lückenfüller zwischen den Anzeigen verstehen. Ganz besonders sauer ist er auch auf die Experten und Medienjournalisten, die tagein tagaus auf Podiumsdiskussionen und in ihren Blogs die Innovationsrückständigkeit deutscher Journalisten beschwören.
Seit der Amtseinführung von Barack Obama sind beinahe 100 Tage vergangen, und eins ist klar geworden: Die US-Kabelnachrichtensender haben es am besten von allen Beteiligten verstanden mit den geänderten politischen Machtverhältnissen und neuen Nachrichtenthemen umzugehen.
So erschien das streng konservative Fox News während der Bush-Jahre manchmal wie ein offizieller Verlautbarungskanal der Regierung, so sehr glichen sich die Talking Points der Bush-Pressesprecherin Dana Perino und die tägliche Agenda der Fox-Moderatoren. Jetzt hat der Sender natürlich umgeschwenkt, und fällt vor allem mit paranoiden Weltuntergangsszenarien auf. Die werden von Glenn Beck verkündet, der seit Januar in seiner neuen Sendung leicht hysterisch und mit konfuser Argumentation den Zuschauern Präsident Obama als – schocking – Sozialisten und Faschisten zugleich vorstellt.
Als Sammelbecken für alle Amerikaner, die vom politischen Richtungswechsel des Landes überrascht und befremdet sind, fährt Fox News gute Quoten ein – 9 der 10 erfolgreichsten Kabelnachrichtenshows von Januar bis März 2009 liefen bei Fox News, das durchschnittlich mehr Zuschauer versammeln konnte, als die Konkurrenz von MSNBC und CNN zusammen.
Auf der anderen Seite des politischen Spektrums hat sich MSNBC positioniert. Keith Olbermann und Rachel Maddow erfreuen sich hier regelmäßig an der Selbstdemontage der Republikaner, und dem neuen Rückenwind für sozialprogressive Ideen in der amerikanischen Gesellschaft. Der Wechsel von neutralen, vermittelnden Moderatoren hin zu eindeutig politisch eingefärbten Kommentatoren, ähnlich wie bei Fox News, hat dem Sender viel Kritik, aber auch viele zusätzliche Zuschauer eingetragen.
Eine Folge der verschärften Polarisierung: Die Aufmachung und Bewertung der Nachrichten durch die Sender fällt im Vergleich immer weiter auseinander. Der Ton, mit dem die Gegenseite attackiert wird, ist zunehmend rauer. Selbst die Auswahl der Meldungen und die Zuschreibung von Nachrichtenwert ist politisch verzerrt. Einige Storys werden von der einen Seite glatt ignoriert, von der anderen aber befeuert und gepusht.
Als im April der Einkommenssteuerbescheid fällig war, organisierten konservative Gruppen sogenannte Anti-Tax Tea Parties, um in Anlehnung an die historische Tea Party in Boston gegen die Politik der Regierung Obama zu protestieren. Diese Bewegung nutzten die Macher von Fox News, um wochenlang auf die Proteste vorzubereiten und schließlich ihre gesamte Flotte an Moderatoren und Reportern zu den Teebeutel-Protesten zu entsenden und den Volkszorn weiter anzufachen.
Auf CNN und MSNBC fanden die Proteste während ihrer Vorbereitung dagegen kaum statt. Erst am Protesttag nahmen sich die Reporter ihrer an, dabei thematisierten sie vor allem die Rolle von Fox News als Mitinitiator der Veranstaltungen und wiesen auf die eher bescheidene Teilnehmerzahl von landesweit weniger als 200.000 Menschen hin.
Das ist nur ein Beispiel für die ideologische Verzerrung der Nachrichten. Das linke Forum für Medienkritik Media Matters hat die größten Ausfälle der letzten drei Monate gesammelt, und lässt gerade die Top Ten wählen. Die überwiegend konservativen Kandidaten stellen sich hier vor:
In der Reihe fehlt der erhitzte Austausch einer CNN-Reporterin mit einem Tea-Party-Teilnehmer, der Obama als Faschisten bezeichnet, was die Reporterin in Wallung versetzt.
Bei CNNs Reliable Sources ist man sich einig, dass bei dieser Parteinahme durch die Nachrichtensender Grenzen überschritten und journalistische Grundprinzipien verletzt werden:
Das Problem ist nur, es geht den Verantwortlichen weniger um journalistische Ethik als um die Erkenntnis, dass sich Nachrichten als Entertainment besser verkaufen lassen. Jon Stewart hat es vorgemacht: Satire als Vehikel für die politische und moralische Meinungsbildung. Sein Angriff auf die alltägliche Bigotterie der Talkshow-Experten läuft aber auf Comedy Central, und ist damit ausgewiesenermaßen Unterhaltung. Glenn Beck läuft um fünf Uhr Nachmittags auf Fox News, ohne den geringsten Hinweis, das hier jetzt Nachrichten als Unterhaltung verwurstet werden, Pathos und Polemik bloßes Stilmittel sind, und der Moderator sich selbst und damit die Zuschauer nur so zum Spaß in Erregung versetzt.
Die Formel hat Erfolg, wie Tobias Moorstedt in der Sueddeutschen Zeitung vor ein paar Tagen festgehalten hat. Bloß die Konsequenzen sind noch nicht bekannt. Wie sich Glenn Beck selbst versteht, lässt sich auch an seinen Zukunftsplänen ablesen: Im Juni startet er eine Comedy-Tour mit Live-Auftritten in sechs amerikanischen Großstädten.
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