All Things Considered

Der digitale Lesezirkel ist da

Auf Mymagazines.com kann man eingescannte Magazine und Zeitschriften hochladen und mit anderen Nutzern teilen. Die einzelnen Titel lassen sich bequem durchblättern, interessantes zoomt man heran oder kommentiert es. Der Reader ist sehr komfortabel ausgestattet, und macht das Lesen einfach und intuitiv, in manchen Fällen ist sogar das Inhaltsverzeichnis logisch verknüpft und man muss nur noch auf den Titel eines Artikels klicken, um zum gewünschten Inhalt zu gelangen.

Von Business-Titeln wie Advertising Age und The Economist, über Lifestyle-Blätter wie FHM und Cosmopolitan bis zu Macworld und National Geographic ist schon so ziemlich alles dabei – das ist definitiv mehr Auswahl als bei meinem Kiosk an der Ecke. Mymagazines.com konkurriert, wenn es um die Produktauswahl geht, schon eher mit dem Bahnhofshandel.

Natürlich sehen das die Zeitschriftenverleger nicht gerne, und erwägen rechtliche Schritte gegen die Seite, die erst seit Juli 2008 online ist. Die Firma, die für einen John Smith in The Valley in Anguilla eingetragen ist, rechtfertigt sich damit, dass ihre Art der Bereitstellung sich nicht von der Nutzung in ärztlichen Wartezimmern oder in Friseursalons unterscheide. In beiden Fällen kauft jemand ein Exemplar und macht es dann anderen an einem bestimmten Ort zugänglich. Dass die Seite mit fremden Inhalten Geld macht, kann man den Machern jedenfalls nicht vorwerfen – Anzeigen oder eine Registrierungsgebühr fehlen komplett.

Ob das Modell jetzt Bestand hat oder nicht, es ist auf jeden Fall ein weiteres Beispiel dafür, dass sich von kaum einen analogen Inhalt die Digitalisierung verhindern lässt. Denn wenn es die Rechteinhaber nicht selbst machen, dann übernehmen das eben die Nutzer. Und nur um die Cosmopolitan zu lesen, muss man jetzt nicht mehr zum Arzt gehen.

(via)

NBC steht in den Startlöchern

Wenn heute die olympischen Spiele eröffnet werden, dann bedeutet das auch den Auftakt für eine gigantische Welle von Sportsendungen, die in den nächsten siebzehn Tagen die Bildschirme überschwemmen wird. Alleine der amerikanische Fernsehsender NBC wird 3.600 Stunden Berichterstattung auf den hauseigenen Fernsehkanälen und über Live-Streams und andere Verbreitungswege im Netz auf die Zuschauer loslassen – ein Vorhaben, das NBC selbst  “the single most ambitious media project in history” nennt.

Die große Frage für NBC ist dabei nicht wer das alles schauen soll, sondern wie das alles geschaut wird. Denn das der Bedarf an Live-Sportübertragungen ungebrochen ist, steht außer Frage – niemand weiß aber, über welchen Übertragungsweg die Zuschauer am liebsten Siege und Niederlagen, Schweiß und Glück der Olympioniken miterleben wollen. Diese Faszination der Zuschauer ließ sich bisher immer bestens in Form von Werbezeiten in Geld umwandeln, deshalb musste NBC für die Rechte an den Spielen ganze 894 Millionen US-Dollar bezahlen.

Doch das Vertrauen der Werbekunden in das Medium Fernsehen sinkt, die jungen Zielgruppen wandern ins Netz und zu anderen Plattformen ab, digitale Videorekorder wie TiVo ziehen Unterbrecherwerbung den Boden unter den Füssen weg, weil die Werbepausen einfach vorgespult werden können. NBC hat auch deshalb soviel Geld für die Übertragungsrechte der Spiele in Peking hingelegt, weil die Senderverantwortlichen besonderes vorhaben, erklärt der amerikanische Medienjournalist Grant Robertson im Globe & Mail.  “What this really is, is a billion-dollar research lab”, zitiert er Alan Wurtzel, President of Research bei NBC Universal.

Wurtzel und seine Leute wollen die seltene Chance ergreifen und nachweisen, dass trotz sinkender Zuschauerzahlen im traditionellen Fernsehmarkt die kombinierten Zuschauerzahlen über alle Plattformen hinweg tatsächlich wachsen. „[They] believe television is no longer counting its viewers the right way“ erklärt Robertson. Diese arithmetische Schwäche soll TAMI, der Total Audience Measurement Index, beheben. Diese Zählweise könnte dann, so erfolgreich in der olympischen Testphase, die bisherigen isolierten Quotenmessungen ablösen, und das gesamte Publikum eines Programms in einer Zahl darstellen.

Im Interview bei On The Media hat Robertson seine Einschätzung der Erfolgsaussichten für das Projekt dargelegt. Viel hängt für ihn davon ab, ob sich anhand der Zahlen nachweisen lässt, dass viele junge Zuschauer nicht verloren sind, sondern über Internet oder Handy das Programm konsumieren. Wenn NBC den Werbekunden eine Möglichkeit geben könnte, diese verloren geglaubten Zielgruppen wieder zu erreichen, und das auf Plattformen, auf denen Werbung effektiv geschaltet werden kann, hätte sich die Investition gelohnt.

Die Idee abschreiben könnte NBC wohl, wenn die Zahlen das Horrorszenario der Medienbranche abbilden – ein stark fragmentiertes Umfeld, in denen jeder Verwertungskanal nur wenige Zuschauer versammeln kann, die sich dann auch noch äußerst resistent gegen Werbung in Internet-Videos zeigen oder die Vorspultaste des digitalen Videorekorders mit Freude nutzen um der Werbung aus dem Weg zu gehen. Wenn also die befürchtete Erosion der Zuschauermärkte real ist, dann hätte sich “the single most ambitious media project in history” als Rohrkrepierer erwiesen, führt Robertson aus.

Ein Verlustgeschäft wird Olympia für NBC aber trotzdem nicht werden, der Sender rechnet mit einem zehnprozentigem Profit aus Werbung und Weitervermarktung der eigenen Inhalte. Denn um eine Vielzahl von Menschen über einen Kanal mit den eigenen Werbebotschaften zu erreichen, darin ist das Fernsehen gekoppelt mit der Anziehungskraft eines Sportereignisses wie den olympischen Spielen nach wie vor ungeschlagen. Gerade hat Barack Obamas Wahlkampfteam TV-Sendezeit im Wert von fünf Millionen US-Dollar bei NBC eingekauft – auch der facebook-Kandidat, der im Internet so viele neue Wähler erreichen konnte, setzt also auf das alte Medium Fernsehen, um mit wenig Aufwand viele Menschen zu erreichen.

Hier ist noch eine Videovorstellung des NBC Players, der während der Spiele zum Einsatz kommt, aber nur von den USA aus aufgerufen werden kann:

US-Fernsehen braucht einen Eheberater

“Erwähnungen von Inzest, Pädophilie, Partnertausch, Prostitution, Sex zu dritt, Transsexuellen und Transvestiten, Sex mit Tieren und Sex mit Leichen überwiegen Erwähnungen von Sex zwischen Ehepartnern im Programm von NBC im Verhältnis von 27:1.”

Eine neue (Pseudo-)Studie des amerikanischen Parents Television Council schlägt Alarm. Amerikanische Fernsehsender stellen Sex zwischen Eheleuten als entweder nicht-existent oder als überaus mühevoll dar, während außereheliche oder ehebrecherische sexuelle Beziehungen in den untersuchten Sendungen rundum positiv wegkommen. Noch mehr Ergebnisse, die bezeugen, dass die Drehbuchautoren in den USA Sex in der Ehe für überbewertet und eigentlich uninteressant halten:

  • Sex zwischen nichtverheirateten Menschen wird dreimal häufiger erwähnt, als Sex zwischen Eheleuten
  • Implizite oder explizite Darstellungen in denen nichtverheiratete Personen Sex haben, kommen viermal häufiger vor als Sex zwischen Eheleuten
  • NBC zeigte im Untersuchungszeitraum genauso viele Szenen, in denen Ehepartner Sex hatten, wie Szenen in denen Sex zwischen Erwachsenen und Minderjährigen erwähnt wurde
  • Darstellungen von Voyeurismus, Transvestiten oder Transsexuellen, Sex zu dritt, Fetisch-Sex, Bondage, Sado-Maso und Prostitution sind 2,7 mal häufiger zu sehen als Sex-Szenen zwischen Eheleuten

In diesem Ergebnis erkennt das Parents Television Council eine Verschwörung gegen die Ehe in Hollywood. Indem Sex zwischen züchtig verheitateten Eheleuten permanent schlecht gemacht wird, soll die Institution Ehe unterminiert werden, wird befürchtet. Und als abschreckendes Beispiel sind in der Studie gleich auch noch die betreffenden Zitate aus den untersuchten Sendungen mitgeliefert.

Der Verweis auf Sex zwischen Minderjährigen und Erwachsenen stammt z.B. aus der großartigen Serie 30 Rock und hört sich so an:

“Describing a new TV show, Jack says ‘’MILF Island’: 25 super-hot moms, 50 8th grade boys — no rules.’”

Oder als Nachweis für die negative Darstellung von Sex zwischen Eheleuten aus der ABC-Show Carpoolers:

Laird: “I haven’t heard the life-affirming sound of panties hitting the floor in over two weeks.”
Aubrey: “Two weeks? I haven’t seen my wife naked in two years!”
Dougie: “Well, what about sex?”
Aubrey: “When you’ve been married as long as I have, seeing your wife naked is having sex.”

Eine Sammlung großartiger Dialoge, die das Parents Television Council da zusammen gestellt hat, vielen Dank dafür. Den konservativen Schmarrn vom Sittenverfall der Jugend hätte man sich natürlich sparen können, aber dazu ist die Organisation ja schließlich da. Können die also ruhig machen, ich will nur wissen wann genau MILF Island anläuft.

Das alles via Jeff Bercovici, der gleich mal vorschlägt, NBC sollte es sowie die Produzenten von Gossip Girl machen. Die haben die Verurteilungen durch das Parents Television Council für eine Plakatkampagne genutzt.

Faith-Based Organizations and Welfare Services

Etwas verspätet, aber trotzdem aktuell: ein Essay von mir zu den sogenannten Faith-Based Organizations, die in den USA seit einer Gesetzesinitiative von Präsident Bush vermehrt Wohlfahrtleistungen im Zusammenarbeit mit dem Staat übernehmen.

Das ist deswegen etwas neues, weil diese Organisationen nach der Gesetzesänderung ihre Religiösität eindeutig präsentieren dürfen, die von ihnen angebotenen Leistungen an Bedürftige also eventuell auch Rekrutierungszwecken dienen. Im Essay wird die Diskussion zusammengefasst und einige Forschungsergebnisse vorgestellt.

Den Essay gibt’s hier.

Vier sind eine zuviel

Mit der Nachricht von den iranischen Raketentests am Donnerstag wurde ein Foto verbreitet, das eine Rakete mehr zeigt, als abgefeuert wurden. Erkennbar ist die Manipulation an der Staubwolke, die die startenden Raketen aufwirbeln.

Photo by AFP, Illustration by New York Times

Eine Rakete wollte nicht so recht abheben, darum ist der waffentechnische Faux-Pas wohl nachträglich abgedeckt worden. Denn das passt natürlich nicht zum Bild des waffenstarrenden Iran. Ausserdem ist die Bildkomposition mit liegengebliebener Rakete eindeutig nicht so ansprechend:

Mittlerweile hat die Agence France Press das Foto als Fälschung zurückgezogen, Quelle ist die iranische Nachrichtenwebsite Sepah News, schreibt die New York Times. Das manipulierte Foto mit dem perfekt aufgereihten Raketenstart ist unter anderem hier:

hier:

und hier zu bewundern:

Ist ein Foto erstmal im Stock der Agenturen, schaut niemand mehr genauer hin - Es trägt ja den Stempel AFP, da braucht man nicht weiter mißtrauisch sein. Die Nachrichtenagenturen sollten darüber nachdenken, einen Fotoredakteur einzustellen, der Bilder aus zweifelhaften Quellen auf grafische Manipulationen gegenprüft.

Mehr Fälschungen, die es weit gebracht haben, sammelt Hany Farid hier.

(via)

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